Ausgabe #1: Düsseldorf dasAgenturcamp Magazin Ausgabe #1: Düsseldorf

Düsseldorf –
Standort mit Aussicht

von Kerstin Richter-Östreicher
Hamburg und Berlin haben Düsseldorf, dem umsatzstärksten Agenturstandort Deutschlands, den Rang abgelaufen. Die Rheinmetropole kämpft mit einem Imageproblem: zu langweilig, zu glatt, zu alt. Um den Anschluss nicht zu verlieren braucht es mehr, als nur mit Größe zu punkten. Eine Standortanalyse mit harten Wahrheiten – und wie die Düsseldorfer Kreativen gegensteuern.

 

 

Der Blick aus dem Wolkenbügel ist beeindruckend.

Am Ende vom Düsseldorfer Medienhafen gelegen, reckt sich die freitragende Konstruktion 50 Meter über das darunterliegende Industriedenkmal. Jenseits des Rheins breitet sich die Stadt aus und gibt den Blick frei bis zur Altstadt. Ogilvy & Mather hat sich hier, im sogenannten Wolkenbügel, eingemietet. Global Creative Director Britta Poetzsch schaut während des Gesprächs mit dem AgenturCamp Magazin“ auf die umliegende moderne, imposante Architektur. Architektur, wie sie den meisten Kreativen eigentlich gefällt. Und doch hat Poetzsch Düsseldorf mittlerweile den Rücken gekehrt. Nach nur zwei Jahren am Rhein heuerte sie im Februar 2017 als Kreativchefin bei der Agentur Track in Hamburg an.

Denn angekommen war Poetzsch, Vorstandsmitglied des Kreativenclubs ADC, in Düsseldorf nie so richtig. Sie sagt Sachen wie „Düsseldorf ist langweilig.“ „Diese Stadt bietet Kreativen wenig Erlebnis.“ Und: „Es ist alles zugebaut und glattgezogen.“ In direkter Nachbarschaft von Ogilvy, dort wo früher ein Beachclub war, glänzt heute das Luxushotel Hyatt Regency mit seiner Glasfassade.

 

Die heißen Agenturen sind woanders

Kreativer Wildwuchs, eine Avantgarde, die wiederum den etablierten Agenturen frische Impulse geben könnte, hat hier wenig Raum. Als der Branchentitel „Horizont“ im Februar 2016 die heißesten Agenturen Deutschlands präsentierte, kamen 11 aus Hamburg, 7 aus Berlin, 3 aus München und Umgebung. Und nur eine einzige aus Düsseldorf – Vondersteinreys. Frankfurt findet gleich gar nicht statt. Zufall oder symptomatisch für die jeweiligen Werbemetropolen?

Wohl eher letzteres. Laut der Studie „Standortstrategien von Werbe- und Kommunikationsagenturen“ der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart ist Hamburg für Agenturchefs der beliebteste Standort, dicht dahinter Berlin. Auf den Plätzen folgen Düsseldorf, Köln, München. Das Schlusslicht bildet Frankfurt.
Dabei ist die Wahl der richtigen Stadt für fast 80 Prozent der befragten Agenturchefs sehr wichtiges oder wichtiges Erfolgskriterium.

Länder und Kommunen tun also gut daran, mit diversen Initiativen die Wettbewerbsfähigkeit der Kreativwirtschaft zu fördern und die Rahmenbedingungen für Agenturen in ihren Regionen zu verbessern. Denn mit einem Umsatz von 25,691 Milliarden Euro und 145.555 Erwerbstätigen ist die Werbewirtschaft ein wesentlicher und stabiler Wirtschaftsfaktor Deutschlands, das zeigen die gerade veröffentlichten Zahlen im „Monitoringbericht 2016: Ausgewählte wirtschaftliche Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft“ (Herausgeber: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie). Werbemetropole zu sein, ist unter diesen Gesichtspunkten ein wertvolles Gut.

Frankfurt macht eher mit Negativschlagzeilen von sich reden. Das liegt vor allem an den einst starken Networks wie JWT oder Young & Rubicam, die in der Mainmetropole massiv Federn lassen mussten. Saatchi & Saatchi hat seine Niederlassung in Frankfurt 2016 aus wirtschaftlichen Gründen komplett geschlossen und konzentriert sich auf die Offices in Düsseldorf und Berlin.

 

Berlin, immer wieder Berlin

In der Hauptstadt, sagt Saatchi-CEO Christian Rätsch, sei es auf der Nachwuchsebene leichter, Personal zu finden als in Düsseldorf. Im Dezember 2016 zählte seine Düsseldorfer Dependance noch 18 freie Stellen. Aktuell sind immer noch sechs Arbeitsplätze unbesetzt. Unter anderem für den Neukunden Renault sucht Rätsch dringend neue Kollegen. Dabei ist die Rheinmetropole mit einem Umsatz von 5,35 Milliarden Euro Deutschlands größter Agenturstandort und beschäftigt 7000 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter. Zum Vergleich: Hamburg und Frankfurt folgen mit einem Umsatz von 2,77 Milliarden beziehungsweise 2,44 Milliarden Euro, München mit 2,42 Milliarden. Berlin belegt nur den 6. Platz unter den deutschen Werbemetropolen (1,4 Milliarden Euro).
Und doch konstatiert Rätsch in Berlin mehr Flexibilität unter den Bewerbern und ein weniger hohes Anspruchsdenken. Der Altersdurchschnitt sei in seiner Agentur in Berlin um 6 bis 8 Jahre jünger, dafür sind die Personalkosten in Düsseldorf um 20 Prozent höher. Im Moment sei das noch in Ordnung, findet Saatchi-Chef Rätsch. Aber zukunftsfähig ist dieser Zustand nicht.

Geht doch!

Was also tun? Wichtiges Kriterium für einen guten Agenturstandort ist sicherlich, dass es mehr als einen attraktiven Arbeitgeber gibt. Ein Problem, mit dem München aufgrund des übermächtigen Platzhirsches Serviceplan lange zu kämpfen hatte. Junge Agenturen und Neugründungen wie die McDonald’s-Agentur Leo‘s Thjnk Tank bieten Kreativen mittlerweile Alternativen. Dennoch geht dieser Punkt eindeutig an Düsseldorf mit seinen rund 950 Agenturen.

Ein attraktives, inspirierendes Umfeld ist weiteres Kriterium, genauso wie gute Hochschulen. Und: relevantes Geschäft vor Ort. Berlin mag sexy sein und ein Talentemagnet. Das wirtschaftliche Rückgrat fehlt aber auch noch 17 Jahre nach der Wende. Andreas Geyr, CEO von TBWA Deutschland, erkennt denn auch schon einen Gegentrend zum Berlin-Hype. Bewerberprofile verändern sich gerade, sagt er. Diejenigen, die nach 2, 3 Jahren in Berlin keine Lust mehr auf „erweitertes Studentenleben haben“, diejenigen, die weiterkommen wollen, interessieren sich plötzlich für einen Job in Düsseldorf.

Ein Anfang ist gemacht. Die Landeshauptstadt Düsseldorf hat sich seit September 2015 mit einem eigenen Kompetenzzentrum der „Kreativwirtschaft“ angenommen. Auf dem „Factory Campus“, einer alten Fabrikhalle, soll im Düsseldorfer Stadtteil Liehrenfeld ein neues Zentrum für Start-ups entstehen. Innovationskraft lässt sich aber nicht von oben verordnen. Sie muss von unten heraus wachsen. „Viel passiert im Verborgenen“, beobachtet Frank Vogel von der Düsseldorfer Markenberatung Vogel Obentz. „Aber die Wahrnehmung hinkt hinterher.“
Bis sich die Wahrnehmung ändert, werden zwar noch Jahre vergehen. Aber die Kreativen haben das Problem erkannt. Auf vielen Ebenen findet neuerdings mehr Austausch statt. Der Agenturenverband GWA bringt den Nachwuchsevent adday/adnight erstmals nach Düsseldorf, der ADC plant für 2017 eine Veranstaltung zum Thema Digital Experience. Die Networkagentur BBDO hat mit der Regielounge ein funktionierendes Tool, das regelmäßig über 1.000 Kreative anlockt. Rainer Kunst von der Agentur Kunst und Kollegen ist seit 2015 Gastgeber der „CreativeMornings DUS“. Dann der Innovationshub, eine Initiative der Hochschule Düsseldorf, LAVAlabs Moving Images und tennagels Medientechnik, oder die gelungene Premiere von Das Agenturcamp.

Netzwerken, Austauschen, voneinander Lernen. Ein Anfang ist gemacht, um die Zukunftsfähigkeit des Werbestandortes Düsseldorf zu sichern. Ein funktionierender Flughafen gehört im Übrigen auch dazu.

 

 

Harte Fakten, Trends und Gegentrends

  • Die Düsseldorfer Agenturen setzen Werbegelder in Höhe von 5,35 Milliarden Euro um – so viel wie kein anderer Agenturstandort Deutschlands. Doch die heißesten Kreativschmieden sitzen in Hamburg und Berlin
  • Hohe Bautätigkeit beeinträchtigt ein inspirierendes Umfeld und eine lebendige Club-Szene in Düsseldorf
  • Der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter ist in Düsseldorfer Agenturen höher als anderswo. Entsprechend höher sind auch die Gehälter
  • Berlin gilt als der Talentemagnet. Aber es zeichnet sich ein Gegentrend zugunsten Düsseldorfs ab. Bewerberprofile verändern sich
  • Es entsteht viel Neues, um die Zukunftsfähigkeit Düsseldorfs zu sichern. Mit innovativen Veranstaltungen befeuern Agenturen das Kreativleben und den Austausch in ihrer Stadt. Die Stadt Düsseldorf unterstützt die Kreativwirtschaft

Agenturmatching

, Drucken
Kontakt / Impressum
Dank an unsere AgenturCamp-Partner!
BrandEins
Mittwald
EasyJob
Sipgate
Kompetenzzentrum des Bundes