Ausgabe #1: Düsseldorf dasAgenturcamp Magazin Ausgabe #1: Düsseldorf

Gehen Agenturen
auch in lean?

Lean, Agile und Scrum. Klingt nach New-Economy-Buzzword-Bingo? Für mich klingt das nach schlanken Arbeitsprozessen, besseren Ergebnissen und einer gesunden Work-Life-Balance.
Seit zwei Jahren arbeite ich bei sipgate. Mit 130 Kollegen machen wir innovative Telefonie für zu Hause, unterwegs und das Büro. Viel spannender an dieser Stelle ist aber das Wie: Denn 2010 hat sipgate die komplette Organisationsstruktur auf Lean und Agile umgestellt. Das macht mich noch lange nicht zu einem Experten für das Thema, aber definitiv zu einem sehr zufriedenen „Nutzer“. Von unserer Organisationsstruktur waren auch die Teilnehmer des letzten AgenturCamps beeindruckt, das bei uns in Düsseldorf stattfand. So gab es spannende Slots und Diskussionen rund um die Frage, ob Lean und Agile zu Agenturen passt. Ich selbst habe in der Werbung angefangen und glaube nicht, dass sich das Ganze zu 100 Prozent übertragen lässt. Generell ist dieses Thema gigantisch und lässt sich in einem Artikel nicht in seiner vollen Spannweite erklären. Ist aber auch egal. Denn Agenturen, die einen Kulturwandel wollen, können sich definitiv einige Aspekte aus dieser Welt abschauen.

Schneller zu besseren Ergebnissen

Lean und Agile klingt manchmal zu schön, um wahr zu sein. Im Kern geht es darum, Dinge schnell zu entwickeln, an den Kunden zu bringen oder zu verbessern. Eine häufige Reaktion der AgenturCamp Teilnehmer war:
„Das kann bei uns leider nicht funktionieren, weil unsere Kunden den Takt vorgeben und perfekte Ergebnisse wollen“.
Demnach dürfte das Ganze bei sipgate aber auch nicht funktionieren. Natürlich: Unsere Kunden sind Verbraucher und keine Auftraggeber. Aber Verbraucher erwarten ebenfalls perfekte Produkte – und unsere Kunden können monatlich kündigen. Genau deswegen ist Lean und Agile ja so interessant. Denn im Vordergrund stehen immer Produkt und Kunde. Wir wollen nicht ein Jahr abgeschottet versuchen die beste Telefonanlage der Welt zu bauen, um am Ende zu merken, dass das Ergebnis wertlos ist. Wir bauen erst die beste Weiterleitung oder die beste Voicemail der Welt – und das in zwei Wochen. So bekommen wir schnell echtes Feedback, von echten Kunden.

Einbindung des Kunden

Aus Sicht der Agenturen kommen wir jetzt wieder zum „Auftraggeber“, der den Takt vorgibt. Aber stimmt das wirklich? Wenn ich an meine Zeit in der Werbung zurückdenke, fällt mir auf, dass sogar jeder Schulterblick bis ins kleinste Detail ausgearbeitet war. Besonders anstrengend waren die Tage (und Nächte) vor der Präsentation. Aber vielleicht machen sich ja einige Kollegen das Leben selbst zu schwer. Ein Satz, der sich bei mir eingebrannt hat:
“Wenn Du erst zwei Stunden daran gearbeitet hast, kann es noch nicht gut sein”

Das kann ja stimmen und funktionieren, aber muss das sein? Vielleicht gibt es ja Kunden, die gerne früh Feedback geben und keine perfekten Präsentationen brauchen. So könnte man gemeinsam schneller den richtigen Weg finden und auf die eine oder andere Überstunde verzichten. Qualität kommt nicht von Qual, oder? Wenn wir bei sipgate zum Beispiel eine Grafik auf unserer Website ändern, dann setzen wir uns einfach eine Timebox. Das bedeutet: Wir legen eine Zeitpunkt fest und nehmen dann einfach „die beste Grafik“, die wir in dieser Zeit hinbekommen haben und lassen sie auf unsere Website los. Iterieren ist das Stichwort. Basierend auf echtem Feedback verbessern wir dann die Grafik. Natürlich innerhalb einer nächsten Timebox. Bis jetzt ist deswegen noch nie ein Kunde abgesprungen.
“Aber wir können unseren Kunden doch keine Ideen präsentieren, von denen wir nicht selbst überzeugt sind. Er entscheidet sich intuitiv für die Schlechteste”.
Ich persönlich kann mir das nicht vorstellen, aber es geht ja auch nicht darum, schlechte Ideen zu präsentieren. Der Kunde soll besser in den Prozess integriert werden. Alles andere führt doch nur zu längeren Arbeitszeiten und nicht zu besseren Ergebnissen. Das ist längst bewiesen und allen klar. Trotzdem sind Überstunden ein allgegenwärtiges Thema in der Agenturwelt und die Branche leidet unter dem Ruf ihr Personal auszubeuten. Natürlich gibt es bekannte Gründe dafür:
„Die Zeiten haben sich geändert. Die Kunden drücken die Preise etc.“
Trotzdem. Eine bessere Agenturwelt ist möglich und vielleicht kann lean und agile helfen.
Das alles bedarf natürlich einer gewissen Umerziehung der Kunden und des eigenen Personals. Aber hat nicht jede Agentur einen Lieblingskunden, der die Chance darin erkennt und sich auf ein Experiment einlassen würde? Wir reden hier ja schließlich nicht über Esoterik, sondern über eine Organisationsstruktur, die vielen Unternehmen zu Erfolg verholfen hat.

Crossfunktionale Teams

Wem die Einbeziehung des Kunden zu radikal ist, der kann auch ausschließlich interne Strukturen ändern. Da sind zum Beispiel noch die crossfunktionalen Teams: Bei sipgate gibt es ganz einfach keine Abteilungen. Ein Team besteht bei uns aus allen notwendigen Rollen die es braucht, um sich um ein Produkt zu kümmern. Vom Entwickler bis zum Designer. So gibt es keine Übergaben, Wartezeiten, Missverständnisse und das Team identifiziert sich mit seinem Produkt. Auf eine Werbeagentur übertragen könnte das bedeuten, dass man Berater, Texter, Art Director und Reinzeichner in einen Raum setzt. Vielleicht arbeiten die besagten
Rollen ohnehin am selben Etat.

Es gibt viel zu lernen

Wer mehr erfahren möchte, kann sich unser Buch „24 Workhacks… auf die wir gerne früher gekommen wären“ mal genauer anschauen. Außerdem veranstalten wir bei sipgate regelmäßig die Lean DUS, das kostenlose Meetup zum Thema. So oder so: Stand-Ups, Pairing, Retrospektiven… Es gibt noch viele weitere Methoden, von denen auch Agenturen profitieren können. Und auch bei sipgate hat nicht alles von heute auf morgen geklappt. Aber es hat sich gelohnt. Versprochen.

Philipp Dohmen arbeitet im Bereich Marketing und Unternehmenskommunikation bei sipgate. Nach dem Journalismus und PR Studium landete er zunächst als Junior Copywriter bei verschiedenen Werbeagenturen. Privat interessiert er sich für laute Gitarren und langsame Autos.

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